MINDFUL MONDAY (49) von Reto Weishaupt

Ich vertrete den Grundsatz, dass weniger mehr ist. Aber stimmt das wirklich? Und wie gehen wir mit diesem weniger um? Mögliche Antworten auf diese Fragen habe ich vor kurzem während ein paar Tagen in einem Alprustico im Tessin auf 1300 m.ü.M. erfahren. Wir waren zu zweit, was das Ganze schon mal vereinfacht. Denn zusammen weniger haben ist einfacher als alleine.

Rustico-Alltag

Um Nahrung einzukaufen waren wir 4 h zu Fuss unterwegs. Eine Essenswanderung könnte man sagen. Warmwasser zum Duschen gab es je nach Sonnenstand mit Hilfe einer einfachen Solar-Konstruktion. Wenn du zu spät dran warst oder gerade ein paar grössere Wolken den Himmel verdeckten erfrischte dich eine kalte Dusche. Das WC befand sich 50 Meter den Hügel rauf in einem anderen Rustico. Als Kühlschrank diente der kalte Steinboden des Rusticos, das ging erstaunlich gut. Strom für unsere Smartphones konnten wir aus einem kleinen tragbaren PV-Panel gewinnen. Nur nützte mir das wenig, denn Netzempfang war keiner vorhanden.

Dankbarkeit

Mir wurde in diesen Tagen der Einfachheit wieder sehr plastisch vor Augen geführt, wie unheimlich bequem und materiell luxuriös unser Leben im Alltag ist. Ich finde, das gilt es zu schätzen. Wenn möglich jeden Tag. Dankbar sein, dass wir ein menschliches Wesen sind, gesund sind, in materiellem Wohlstand leben, unzählige Möglichkeiten haben (z.B. uns selber erforschen), Familie und Freunde haben. Die Liste liesse sich unendlich erweitern. Tu das, erweitere sie für Dich ganz persönlich und werde Dir ihrer bewusst.

„Unser Dasein, die Welt. Alles ein Geschenk. Und die einzig passende Antwort darauf ist: Dankbarkeit.“
– Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast

Aversion

Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich mir mehr Luxus gewünscht hätte. Macht mich das einfache Leben doch nicht glücklich? Doch, ich glaube schon. Dazu gehört aber ein entsprechender Umgang mit unseren Gedanken und Emotionen. Die Aversion und Ablehnung gegenüber dem Unbequemen und Anstrengenden ist ein klassisches Verhaltensmuster. Dieses haben wir über Jahre eingeübt. Wir haften an am Angenehmen und stäuben uns gegen das Unangenehme. Diese Geisteshaltung sowie das Streben und Erreichen von Angenehmem bringt uns jedoch immer wieder nur vorübergehend Wohlgefühl und Erleichterung. Diese angenehmen Empfindungen sind nicht von Dauer und unsicher.

Freiheit

Schon eher von Dauer auf dem Weg zu Freiheit und Sicherheit ist die Fähigkeit den gegenwärtigen Moment offen und freundlich wahrzunehmen und zu akzeptieren. Die Situation annehmen, so wie sie gerade ist. Auch wenn sie sich unangenehm anfühlt. Das entspannt und befreit – mit der Zeit. Dieses Paradoxon ist nicht meine Entdeckung, sondern wird in unzähligen buddhistisch-philosophischen Texten vertreten. Situationen und Empfindungen verändern sich stetig. Daher verändern sich auch unangenehme Gefühle und Empfindungen. Innehalten, Akzeptanz und Gleichmut führen zu Freiheit.

Um dies zu erleben brauchen wir äusserlich wenig, dafür innerlich umso mehr. Weniger ist also nicht einfach mehr, sondern weniger führt uns vor Augen, was mehr ist.