MINDFUL MONDAY (59) von Reto Weishaupt

Geschichten berühren und bewegen uns Menschen. Die folgende Geschichte von Jorge Bucay gefällt mir sehr gut, denn sie bringt mich auch nach mehrmaligem Lesen immer wieder zum Schmunzeln und erinnert mich eingängig an einen wichtigen Grundsatz im Leben.

DIE GESCHICHTE VOM HOLZFÄLLER

Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen. Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies. Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit. An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume. »Herzlichen Glückwunsch«, sagte der Vorarbeiter. »Weiter so.« Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett.

Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm aber nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen. »Ich muss müde sein«, dachte er. Und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen. Im Morgengrauen erwachte er mit dem festen Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu übertreffen. Er schaffte noch nicht einmal die Hälfte.

Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume, und am übernächsten fünf, seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen. In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war, und schwor Stein und Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen.

Der Vorarbeiter fragte ihn: »Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?« »Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.«

(aus dem Buch von Jorge Bucay „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“)

INNEHALTEN

Die Geschichte erinnert mich daran, immer wieder mal eine Pause einzulegen und meinen Geist auszurichten. Auch dann – oder gerade dann, wenn es mal eng wird. Diese Geistesgegenwart kann die entscheidende Klarheit schaffen, die uns weiter bringt.

Für mich ist diese Geschichte eine treffende Metapher, wie wir oft unseren Alltag – unser Leben – abspulen. Wir kennen häufig nur eine Devise: Mit Vollgas voraus. So vieles muss ich noch erledigen. Und überall dabei sein.

Achtsamkeit ist ein Gegenpol dazu. Zur Ruhe kommen und entschleunigen. Regelmässig innehalten und unser wichtigstes Werkzeug – unseren Geist –  schärfen. Nach der Expansion folgt die Konzentration. Dies weiss auch die Natur und führt uns gerade sehr plastisch vor Augen, wie die Bäume sich für die dunkle Jahreszeit bereit machen.

Regelmässige Pausen und eine langsamere Gangart sind längerfristig erfolgsversprechender. Es schont unseren Energiehaushalt. Wir haben schliesslich noch ein paar Jährchen vor uns. Und es lässt uns aufs Wesentliche konzentrieren. Wir müssen nicht alles tun. Es reicht, wenn wir die richtigen Dinge zur richtigen Zeit tun.

„Wenn du es eilig hast, geh langsam.“ – Weisheit aus Japan