MINDFUL MONDAY (56) von Reto Weishaupt

Können wir, indem wir unseren Geist trainieren, wirklich Einfluss auf unseren Körper nehmen? Kann Meditieren in bestimmten Fällen eine heilende Wirkung haben? Diese Fragen stellt der Sprecher zu Beginn des sehenswerten arte-Dok-Films (nur bis am 13.10.2017 online!) über die heilsame Kraft der Meditation. Der Film ist gespickt mit aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen von Neurologen, Psychiatern, Molekularbiologen, Ärzten sowie Erfahrungsberichten von Meditierenden.

Dank diesen neuen Erkenntnissen hält Meditation in Europa und den USA auch Einzug in den Krankenhausalltag. Meditation wird begleitend eingesetzt bei der Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder bei chronischen Schmerzen. Saki Santorelli, Professor für Präventiv- und Verhaltensmedizin an der University of Massachusetts und Direktor des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care, and Society sagt im Film folgendes: „Die Meditation ist inzwischen wirklich Teil der Medizin. Sie ist keine Alternativmedizin, sondern wird zunehmend Standard.“ In den USA bieten heute bereits mehr als 250 Kliniken und Krankenhäuser Meditationseinführungskurse für Ihre Patienten an.

Meditation und Depressionen

Dr. Christoph André vom Centre Hospitalier Sainte-Anne in Paris war der erste Arzt in Frankreich der Meditation klinisch genutzt hat. Seit mehr als zehn Jahren setzt er Meditation – begleitend oder alternativ zu Medikamenten und Psychotherapie – als Behandlung für Patienten mit chronischer Depressionen und Angststörungen ein: „Wenn Personen, die zu Depressionen neigen, meditieren lernen, sinkt ihr Rückfallrisiko in den Folgejahren beträchtlich. Ihre Wirkung ist vergleichbar mit Antidepressiva.“

Meditation und Schmerzen

Der US-amerikanische Psychologe und Hirnforscher Dr. Richard Davidson von der University of Wisconsin in Madison weist darauf hin, dass der Umgang mit unseren Gedanken und Emotionen grossen Einfluss auf unser Empfinden hat: „Ein Grossteil des Leidens unter Schmerzen kommt nicht vom Schmerz selbst, sondern durch die Antizipation des Schmerzes.“ Und der Neurologe Dr. Antoine Lutz vom neurowissenschaftlichen Forschungszentrum am INSERM in Lyon bringt die Funktion der Meditation bei chronischen Schmerzen auf den Punkt: “Meditation verändert unser Verhältnis zum Schmerz, nicht den Schmerz an sich.“

Meditation und Alzheimer

Dr. Richard Davidson und sein Team haben herausgefunden, dass Meditieren nicht nur gegen Stress wirkt, sondern auch gegen Überreaktionen unseres Immunsystems, die oft zu Entzündungskrankheiten führen. Er sagt: „Entzündungen sind eine Komponente von vielen chronischen Erkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Arthritis und sogar demenzielle Erkrankungen wie Alzheimer. Bei allen spielen Entzündungen eine zentrale Rolle. Und vieles spricht dafür, dass Meditation entzündungshemmend wirken kann, indem sie bestimmte entzündungsfördernde Stoffe herunterfährt.“

„Wir haben die Vision, dass Meditieren irgendwann zum Alltag gehören wird wie Zähneputzen. Wir gehen achtsam mit unseren Zähnen um, indem wir sie täglich putzen und pflegen. Und genau so achtsam sollten wir mit unserer Seele und unserem Gehirn umgehen.“ – Richard Davidson

Meditation und Zellalterung

Forscher des Shamatha-Projekts in den USA konnten bei Probanden nach nur drei Wochen intensiver Meditation Hinweise dafür finden, dass Meditation einen der fundamentalsten Mechanismen der Biologie beeinflussen kann, die Zellalterung. Der Leiter des Shamatha-Projekts, der Neurologe Dr. Clifford Saron vom Center for Mind and Brain an der University of California in Davis spitzt diese Erkenntnis noch weiter zu: „Damit steht die These im Raum, dass die Lebensdauer eines Menschen mit seiner Psyche zusammenhängen könnte, und zwar auf eine mechanistische Weise.“ Prof. Dr. Elissa Epel vom Department of Psychiatry an der University of California in San Francisco relativiert: „Womöglich kann Meditation den Alterungsprozess verlangsamen. (…) Die Studie steht noch am Anfang, aber die Ergebnisse sind ermutigend.“

Gesundheit beginnt im Kopf

Gegen Ende des Films fasst der Sprecher sehr zutreffend zusammen: „Regelmässige Meditation kann uns helfen, bestimmte automatische Reaktionen unseres Körpers zu kontrollieren, auch die Unangenehmen. Es ist, als verfügten wir über ungeahnte Ressourcen, die sorgsam in den ruhigen und entspannten Regionen unsere Psyche verwahrt sind. Als würde uns die Meditation die Tür zu einer Art inneren Apotheke öffnen.“

Eine überaus treffende Beschreibung, was Meditation ist, stammt von Dr. Christoph André: „Viele wissen gar nicht, ehe sie selbst zu meditieren beginnen, dass die Meditation eine überaus körperliche Erfahrung ist. Es ist sehr viel mehr als ein tiefes Nachdenken oder Betrachten von Gedanken. Wir hören in unsere ganze Person hinein. Lauschen, was in unserem Körper geschieht, wie wir atmen, wie unsere Gedanken fliessen, wie Geräusche auf uns wirken. Im Grunde sind wir unser eigener stiller Beobachter. Wir wollen nichts bewegen, sondern einfach nur im gegenwärtigen Moment sein.“

Wir alle können meditieren lernen.