MINDFUL MONDAY (75) von Roland Dörig

In diesem Blog Beitrag teile ich meine Erfahrungen als Teilnehmer an einem 6-tägigen Vipassana-Schweige-Retreat in der Stiftung Felsentor. Vipassana Meditation wird auch als Einsichts-Meditation bezeichnet. Im Kern geht es darum unheilsame Geistes- und Gefühlszuständen zu erkennen und heilsame Geistes- und Herzensqualitäten zu kultivieren um schliesslich inneren Frieden und Freiheit zu erlangen.

Der Ablauf

Der Vipassana Retreat folgt einem klar definierten Tagesprogramm, das für alle Teilnehmer verbindlich ist. Um 06.15 Uhr werden die Teilnehmer geweckt. Von 06.45- 07.15 Uhr ist Zeit für persönliche Körperübungen. Um 07.15 geht es los mit der ersten Meditation. Im 45 minütigen Rhythmus wird dann über den ganzen Tag hinweg bis 21.30 Uhr zwischen Sitzmeditation und Gehmeditation abgewechselt. Die formellen Meditationen werden durch 3 Mahlzeiten und eine Stunde Mithilfe im Haus unterbrochen. Wobei auch das Essen und die Hausarbeit meditativ im Sinne informeller Meditation gedacht sind. Das heisst, man übt auch in den Alltagstätigkeiten ganz präsent zu sein, sich bewusst zu sein, was man gerade macht, bewusst wahrzunehmen was sich im Körper, im Geist und der Gefühlswelt zeigt. Das Retreat findet im Schweigen statt. Keine Internet, kein Telefon, keine Bücher. Dies hat den Zweck ganz bei sich sein zu können ohne ständig abgelenkt zu werden.

Im Vorfeld des Retreats

Ich spüre, dass ich gerne einmal wieder die Erfahrung machen möchte intensiver zu praktizieren, mich zurückzuziehen, in die Stille einzutauchen fernab von der Geschäftigkeit des Alltags. Gleichzeitig zeigen sich aber auch Zweifel. Beim Gedanke an das dichte und definierte Tagesprogramm mit täglich ca. 6 Stunden Sitzmeditation und ca. 6 Stunden Gehmeditation kommt Widerstand auf. Mir ist bewusst, dass es in einem Vipassana Retreat auch schwierige Momente geben kann, Vipassana nicht mit einem Wellnessurlaub gleichzusetzen ist. Ich frage mich, ob ich meine Ferien wirklich so verbringen möchte, ob mir das wirklich gut tut. Die Vorstellung nach Portugal ans Meer zu fahren und dort an einem locker strukturierten Yoga-Retreat teilzunehmen erscheint verlockender und einfacher. Ich erkenne diese Gedanken als Strategie des Geistes und als Streben nach Angenehmem und entscheide mich schliesslich für das Vipassana Retreat. Ich nehme mir vor mich möglichst ohne Erwartungen an das Retreat und an mich auf diese Erfahrung einzulassen.

Tag 1

Mit gemischten Gefühlen reise ich an und bin gespannt auf die Gruppe, die Kursleitung und den Ort. Am späteren Nachmittag komme ich in der Stiftung Felsentor an. Ich fühle mich von der ersten Minute an wohl. Der Ort ist magisch schön, eine atemberaubende Aussicht über den Vierwaldstättersee umgeben von Wald und einer Atmosphäre der Ruhe. Ich freue mich, dass ich in eines der wenigen Einzelzimmer eingeteilt wurde. Die Gruppe mit 15 Teilnehmern ist bunt gemischt Männer, Frauen im Alter von ca. 25 – 60 Jahren. Die meisten nehmen zum ersten Mal an einem Vipassana Retreat teil. Ich weiss aus Erfahrung, dass das Essen an einem solchen Retreats immer eines der Highlights des Tages ist. Entsprechend froh bin ich, dass das erste Abendessen eine Gaumenfreude ist. Nach dem Abendessen beginnt dann das Schweigen. Wir treffen uns im japanischen Zendo für die ersten Meditationen. Der Meditationsraum strahlt eine schöne Präsenz aus und ist erfüllt von einem herrlichen Duft des Holzgebäudes. Ideale Bedingungen für die kommenden Tage. Ich bin dankbar. Am ersten Abend gehe ich ungewohnt früh ins Bett mit Vorfreude auf die kommenden Tage und dem Vertrauen darauf, dass diese Tage eine wertvolle Erfahrung sein werden, was auch immer kommen mag. Ich bin froh, dass ich meinen Zweifeln im Vorfeld nicht zu viel Raum gegeben und mich für das Retreat entschieden habe.

Tag 2

Der erste Schritt im Vipassana Prozess ist das Üben von Sammlung. Dies tun wir indem wir unser Gewahrsein auf die Empfindungen des Körpers richten, mit der Aufmerksamkeit bei bestimmten Körperempfindungen verweilen, aufkommenden Gedanken und Emotionen keine Beachtung schenken, sie ziehen lassen. Ich merke dabei, dass mein Geist teilweise ganz schön unruhig ist, immer wieder abschweift. Ich weiss aber, dass das normal ist und sein darf. Ich schaue der Geschäftigkeit des Geistes mit Gelassenheit, Geduld und Humor zu. Es gibt aber auch Momente in denen ich merke, dass da der Wunsch und die Erwartung aufkommen schneller zur Ruhe zu kommen und tiefer in die Meditation eintauchen zu können. Ab und zu tauchen Selbstverurteilungen auf, dass ich das doch besser können müsste zumal ich ja schon mehrere Jahre täglich meditiere. Trotz meiner bisherigen Meditationspraxis bin ich es mir nicht gewohnt so lange zu sitzen. Die 45 minütigen Sitzmeditationen erscheinen teilweise sehr lang. Im Verlauf des Tages stellen sich dann hartnäckige Rückenschmerzen bei mir ein. Ich hadere damit und möchte diese Schmerzen los haben, damit ich mich besser entspannen und auf die Meditation einlassen kann. Besorgnis und Angst kommt auf, dass es sehr anstrengend werden wird, wenn diese Schmerzen nun über den ganzen Retreat bestehen bleiben. Diese Gedanken und Emotionen bewusst wahrzunehmen und mich nicht mit dem Schmerzen zu identifizieren helfen mir mit dieser Herausforderung umzugehen. Ich versuche mich für den Schmerz zu öffnen, ihn zuzulassen. Ich verbinde mich auch mal mit allen Menschen, die gerade auch Schmerzen erleiden und bringe uns allen Mitgefühl entgegen. Zudem versuche ich den Fokus nicht auf die schmerzende Stelle einzuengen. Ich erkunde, wo überall im Körper gerade keine Schmerzen da sind. Interessanter Weise löst sich der Schmerz plötzlich fast auf. Fast gleichzeitig allerdings taucht eine andere Stelle am Rücken auf, die sich verkrampft und schmerzt. Der ständige Wandel aller Dinge wird hautnah erfahrbar. Ich werde mir schmerzlich bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist schmerzfrei zu sein. Am Ende des 2. Tages, der eine gefühlte Ewigkeit dauerte tauchen wieder Zweifel auf. Was mach ich hier eigentlich? Wieso tu ich mir das an?

Tag 3

Ich starte mit gemischten Gefühlen in den Tag, die Erfahrung des gestrigen Tages ist präsent. Heute gehen wir einen Schritt weiter und öffnen unser Gewahrsein für aufkommende Gedanken und Emotionen, beginnen diese zu erforschen ohne uns darin zu verlieren. Mir wird im Verlauf des Tages bewusst, dass mein Fokus in der Meditation oft auf Schwierigkeiten, sogenannte Hindernisse wie Begierde und Aversion, gerichtet ist. Ich versuche von nun an auch vermehrt auf die positiven Qualitäten wie Geduld, Dankbarkeit, Humor zu achten, die ebenfalls da sind. Ich bin weniger streng mit mir selbst. Dies verleiht den Meditationen eine gewisse Leichtigkeit und die Freude bekommt wieder mehr Raum. Meine Meditation vertieft sich und einige persönliche Erkenntnisse tauchen auf. Die Schmerzen im Rücken sind noch präsent, vereinnahmen mich aber deutlich weniger. Das Schweigen fällt mir bisher leicht.

Tag 4

Ich starte guten Mutes in den Tag. Heute merke ich, wie ich aufkommende Gedanken in der Meditation immer klarer erkenne. Ich kann mich mehr öffnen für alles was auftaucht an Geistes- und Gefühlszuständen, mich entspannen. Ich merke wie in meinem Inneren vieles sehr flüchtig ist. Ein Kommen und Gehen ohne dass ich darauf reagieren oder etwas verändern muss. Mein inneres Klima wird freundlicher und ich fühle mich mit der Gruppe plötzlich mehr verbunden, weniger Verurteilungen als bisher tauchen auf. Ich merke zudem wie oft ich mich im Alltag von mir selber ablenke mit Internet, Handy etc. und wie gut es tut diese Möglichkeiten der Ablenkung mal nicht zur Verfügung zu haben. Dieses Bewusstsein möchte ich in meinen Alltag mitnehmen. Am Endes des Tages spüre ich eine wundervolle innere Ruhe. Ich bin in freundlichem Kontakt mit mir selber, präsent, geerdet.

Tag 5

Ich habe das Gefühl, dass ich immer besser verstehe, was offenes Gewahrsein eigentlich bedeutet. Die Kursleitung spricht heute vom „balancierte Bemühen“. Ich bekomme ein besseres Gespür dafür was es heisst beharrlich achtsam zu sein aber sich trotzdem nicht zu sehr anzustrengen. Gewahrsein einfach geschehen zu lassen, offen und empfangend zu sein. Ich bin inspiriert, habe den Eindruck in meiner Meditationspraxis einen Schritt weiter gekommen zu sein. In der letzten Meditation des Tages habe ich ein wunderbares, tiefes Gefühl „ganz zu sein“, genau so wie ich bin. Ich spüre eine innere Weite, Dankbarkeit und Wertschätzung, dass ich diese Erfahrungen machen darf. Ich fühle mich leicht und euphorisch. Die Rückenschmerzen haben sich mittlerweile aufgelöst. Heute spüre ich zum ersten Mal das Bedürfnis mich mitzuteilen, diese Erfahrungen zu teilen.

Tag 6

Der letzte Tag bricht an. Mein Geist beginnt bereits wieder erste Pläne zu schmieden für die Zeit nach dem Retreat. Eine innere Unruhe schleicht sich langsam wieder an. Mir wird bewusst, wie ich meine innere Ruhe festhalten möchte. Ich sage mir, dass alles sein darf und entspanne mich in diese aufkommende Unruhe. Mir wird klar, dass die innere Ruhe nie weg sein wird, sondern in mir drin ist, wie die weisse Leinwand unter einem Gemälde. Ich habe immer Zugang zu dieser inneren Ruhe, wenn ich ihr die Zeit und den Raum gebe sich zu zeigen und zu entfalten. Beim letzten Mittagessen wird das Schweigen dann aufgehoben. Obwohl wir die letzten Tage nicht miteinander geredet haben fühlt es sich irgendwie vertraut an mit dem anderen Teilnehmern. Die ersten Worte fliessen zaghaft über unsere Lippen. Eine gute Energie ist spürbar in der Gruppe. Ich und die anderen Teilnehmer sind dankbar für die Erfahrung, etwas wehmütig, dass es schon vorbei ist und gleichzeitig auch ein wenig froh darüber.

Fazit

Die vergangenen 6 Tage waren nicht immer einfach. Es gab Momente des Zweifels, der Angst, der Ungeduld, des Urteilens etc.. Es gab aber auch viele Momente der Dankbarkeit, der tiefen Verbundenheit mit mir selber, der inneren Ruhe und einige persönliche Erkenntnisse. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich gehe genährt und inspiriert zurück in den Alltag und bin gespannt was geschieht, wenn ich den Flugmodus wieder ausschalte und der Alltag zurückkehrt.

Danksagung

Ein herzliches Dankeschön ans Team der Stiftung Felsentor, die einen hervorragenden Rahmen geschaffen haben für das Retreat sowie an die Kursleitung Rainer Künzi und Isis Bianzano für ihre freundliche, liebevolle Präsenz und die immer wieder sehr passenden und hilfreichen Inputs.