MINDFUL MONDAY (94) von Reto Weishaupt

Der Kommerz, ein allein auf Gewinnerzielung gerichtetes Interesse, ist in unserer zunehmend ökonomisierten Welt weit verbreitet. Wie bei allem, was boomt und im Trend ist, steigt mit der Zeit die Häufigkeit der medialen Berichterstattung sowie auf der Angebotsseite die Fülle an kommerziellen Möglichkeiten.

Damit einhergehend nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass auch gern mal übertrieben und vereinfacht wird. Denn kernige Schlagzeilen und einfache Erfolgsrezepte verkaufen sich nun mal besser.

Simplifizierung und Selbstoptimierung

Es wird übertrieben und vereinfacht von Seiten der Medien, die zum Beispiel Studien über die Vorzüge der Meditation zitieren, deren Ergebnisse nicht signifikant sind oder noch gar nicht repliziert wurden. Die Berichterstattung ist zudem nicht ausgewogen, Achtsamkeit funktioniert nicht immer und nicht für jeden.

Weiter wird vereinfacht, indem Meditation losgelöst von ethischen und sozialen Belangen als Selbstoptimierungstool angepriesen wird. Eine säkulare Meditationspraxis losgelöst von Ethik kann sehr wohl positiv auf uns Menschen wirken, dies haben unzählige neurowissenschaftliche Studien belegt. Wie jedoch bereits Hartmut Rosa treffend zum Ausdruck gebracht hat, besteht die Lösung nicht darin Achtsamkeit als Steigerungstechnik einzusetzen (gesünder, fitter, schlauer). Mit dieser Art von Achtsamkeit vergrössern wir das Problem, anstatt es zu lösen. Das Hamsterrad dreht sich immer schneller.

Säkulare Ethik

Ich kann mich nur anschliessen an die Worte von Gert Scobel, Professor für Philosophie, der sinngemäss folgendes gesagt hat: Die neurowissenschaftliche Fixierung führt zu einer weitgehenden Verdrängung der ursprünglich ethischen und sozialen Aspekte von Achtsamkeit. Achtsamkeit ist in Gefahr rein ökonomischen Zwecken zu dienen und instrumentalisiert zu werden. Die Zunahme von digitalen Anwendungen inklusive Apps unterstützt die gängige Konsumhaltung, die den Trend zu „Achtsamkeit light“ und „McMindfulness“ begünstigt. Es ist an der Zeit, Weisheit zu entwickeln und dem Vorschlag des Dalai Lama zu folgen, Achtsamkeit als säkulare Meditation mit einer säkularen Ethik zu verbinden.

Auch Paul Grossmann, Forschungsleiter der Abteilung für Psychosomatik und Innere Medizin der Universitätsklinik in Basel sowie Gründer des Europäischen Zentrums für Achtsamkeit in Freiburg i.B., vertritt eine ähnliche Meinung: „Aus meiner Sicht birgt die euphorische Übernahme des Achtsamkeitskonzepts durch die westliche Psychologie eine Gefahr. Denn im buddhistischen Kontext beinhaltet der Begriff Achtsamkeit stets einen ethischen Akt. Es geht nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch um die Entfaltung von Mitgefühl und Offenheit. Diese ethische Komponente aber fällt in psychologischen Studien leicht unter den Tisch, weil ethische Einstellungen in der Psychologie sowieso kaum berücksichtigt werden und sie sich nur schwer operationalisieren und objektiv messen lassen.“

„Ich mag das Wort „McMindfulness“ nicht, weil ich glaube, dass die Menschen, die solche Begriffe prägen, dies aus einer gewissen ablehnenden Haltung heraus tun. Sie begreifen nicht, welche Schönheit in den verschiedenen Wegen liegt, wie Achtsamkeit heute auf authentische, nicht-kommerzielle, ehrliche und zutiefst ethische Art und Weise in die Welt getragen wird.“
– Jon Kabat-Zinn

Achtsamkeit in Organisationen – Es geht um mehr als Stressreduktion

Unternehmen und Organisationen resp. deren betriebliches Gesundheitsmanagement greifen heute immer stärker auf die Potenziale der heilsamen Kraft der Achtsamkeit zurück, v.a. in den USA, England und Deutschland, die Schweiz hinkt da (noch) ein bisschen hinterher.

Verbinden wir eine säkulare Meditations- und Achtsamkeitspraxis mit einer säkularen Ethik, gewinnt erstere an Tiefe, Kraft, Weisheit und Verbindlichkeit. Bei der Implementierung von Achtsamkeit im Unternehmenskontext soll es nicht nur um Stressreduktion und Leistungssteigerung gehen, sondern auch um die bewusste Kultivierung von Gelassenheit, Geduld, Vertrauen, Wertschätzung, Verbundenheit und Mitgefühl. Davon profitieren das Individuum, die Organisaiton wie auch die Gesellschaft.

Diese Haltungen korrespondieren ebenfalls mit den sich abzeichnenden neuen Arbeitsweisen des „New Work“: Agile Organisationen, Holokratie, selbstorganisierte Teams, kollegialen Führung. Ein wichtiges Puzzleteil von zukunftsfähigen Organisationen (und einer friedlichen Welt) sind empathische Menschen, die gemeinschaftlich, authentisch und achtsam kommunizieren und handeln.

Mit dem 8-wöchigen Achtsamkeitstraining MINDFULWORKS möchte MINDFULMIND einen Beitrag in diese Richtung leisten. Es ist uns ein tiefes Anliegen die inneren Haltungen von Achtsamkeit und Mitgefühl zum Wohle des Menschen auch in der Arbeitswelt zu fördern.