MINDFUL MONDAY (92) von Reto Weishaupt

Dieses 3-min-Video von Brené Brown gibt wertvolle und wichtige Hinweise, welche Haltung und Reaktion von uns förderlich und heilvoll ist, wenn Menschen in schwierigen Situationen sind und leiden.

Verbindung anstatt Ratschlag

Erkennst du dich im Video ein klein wenig wieder? Wie oft fallen wir doch ins Schönreden und Ratschläge geben, wenn wir merken, dass unser Gegenüber leidet! „Wenigstens hast du noch dies.“ „Immerhin ist jenes nicht eingetreten.“ „Und hast du schon folgendes probiert?“ Ohne gefragt zu werden geben wir Ratschläge anstatt dem andern zu signalisieren, dass wir verstehen, dass es gerade schwierig ist und dass wir einfach nur da sind für sie/ihn.

Empathie ist nicht gleich Mitgefühl ist nicht gleich Mitleid

Was ist der Unterschied zwischen Empathie, Mitgefühl und Mitleid? Gar nicht so eindeutig, die Begriffe sind nah beieinander. Zudem werden sie nicht überall genau gleich definiert, gerade auch im Englischen, was eine Diskussion darüber nicht vereinfacht. Nachfolgend die Begriffsdefinitionen gemäss Duden sowie weitere Erläuterungen, welche die feinen aber gewichtigen Unterschiede aufzeigen:

  • Empathie (engl. empathy) = „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“ (Duden). Ein generelles Einfühlungsvermögen; ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Empathie ist sozusagen die Grundlage des Mitgefühls und des Mitleids.
  • Mitgefühl (engl. compassion) = „Anteilnahme am Leid, an der Not o. Ä. anderer“ (Duden). Ich nehme Anteil an den Gefühlen eines anderen Menschen. Ich kümmere mich um den anderen, indem ich in Verbindung bin. Ich fühle mit, ohne ganz in das Leid des anderen hineingezogen zu werden.
  • Mitleid (engl. sympathy) = „Starke (sich in einem Impuls zum Helfen, Trösten o. Ä. äussernde) innere Anteilnahme am Leid, an der Not o. Ä. anderer“ (Duden). Ich nehme Anteil am Leid eines anderen Menschen, evtl. mit einem Gefühl von Unbehagen. Ich möchte helfen, trösten, aufmuntern und das Leiden des andern mildern.
Spiegelneuronen in unserem Gehirn

Es sind die sogenannten „Spiegelneuronen“ in unserem Gehirn, die uns zu empathischen Wesen machen. Diese speziellen Nervenzellen zeigen das gleiche Aktivitätsmuster, wenn wir eine Handlung nur betrachten wie wenn wir sie selber ausführen. Werden wir z.B. Zeuge einer schmerzhaften Aktion eines Mitmenschen, sei es körperlich wie auch psychisch, empfinden wir ebenfalls Schmerz.

Die deutsche Forscherin Tanja Singer konnte nachweisen, dass im neuronalen Netzwerk des Gehirns bei Empathie resp. Mitleid andere Hirnareale aktiviert werden als bei Mitgefühl. Die doch so ähnlichen Begriffe und Gefühle sind also auch aus Sicht der Neurowissenschaft nicht dasselbe.

Mitgefühl im Alltag

Mitgefühl ist alltagstauglich und praktisch. Mitgefühl kann konkret heissen, einer alten Frau im Tram oder Bus den Platz freigeben oder die Tür aufhalten. Mitgefühl kann heissen, einem Bettler auf der Strasse etwas kleines zu geben und ihm zuzunicken. Oder Mitgefühl kann heissen, jemandem einen freundlichen Gesichtsausdruck schenken, der dir auf der Strasse gerade die Vorfahrt genommen hat. Letzteres fällt mir noch immer am schwersten. Ich arbeite daran.

Mitgefühl können wir bewusst entwickeln. Die Übung von Mitgefühlsmeditation oder der tibetisch-buddhistischen Mitgefühls-Praxis Tonglen kann uns dabei unterstützen im Alltag mitfühlend(er) zu sein. Lerne, dich im Alltag nicht von Gefühlen wie Mitleid leiten zu lassen, sondern trete einen Schritt zurück und handle dann auf achtsame, überlegte Weise mitfühlend und weise.

 

„Die Achtsamkeit ist ein radikaler Impuls. Sie ermöglicht nicht nur Stressreduktion, sondern auch Selbsterkenntnis und Mitgefühl.“
– Stefan Büchi (ärztlicher Direktor der Privatklinik Hohenegg in Meilen)