MINDFUL MONDAY (98) von Reto Weishaupt

Viele von uns leiden an den Zuständen, die heute in der Wirtschaft, am Arbeitsplatz auf uns einwirken. Wir erleben die destruktive Wirkung, die von erhöhtem Leistungsdruck, Konkurrenzdenken, Misstrauen, sinnlosen Zielen, aggressiver Kommunikation und Stress ausgeht.

In der Folge kann unsere Freude an der Arbeit, am sinnvollen Tun, verloren gehen und unsere Gesundheit darunter leiden. Als Achtsamkeitspraktizierende ist es eine grosse Herausforderung und Frage, wie wir dazu beitragen können „achtsamere Organisationen“ zu schaffen, womit wir unsere Energie im Miteinander heilsamer einsetzen können.

„Mindfulness is a source of happiness.“
– Thich Nath Hanh

Seminar „Achtsamkeit in Organisationen und Unternehmen“

Gerne möchte ich meine Erfahrungen teilen aus dem Seminar „Achtsamkeit in Organisationen und Unternehmen – Wie wir gemeinsam heilsame Umfelder und Arbeitszusammenhänge schaffen“ mit dem Netzwerk Achtsame Wirtschaft (NAW) im European Institut of Applied Buddhism (EIAB) Ende April in der Nähe von Köln.

Im Seminar, das sich für mich eher als Retreat anfühlte, war genügend Platz für Einkehr und Stille, Zeiten des edlen Schweigens wie auch für achtsame Kommunikation. Wir übten in unserer Gruppe von ca. 30 Leuten klassische formale Achtsamkeitsübungen in Form von Sitz- und Gehmeditationen als auch informelle Achtsamkeitsübungen wie tiefes Zuhören, Essmeditation, Arbeitsmeditation sowie Mindful Co-Working.

Für Austausch blieb zudem genügend Raum, schliesslich begann der Tag bereits um 5:30 Uhr mit einer Sitzmeditation in der Gemeinschaft. Ein sehr interessantes für mich neues Format der informellen Achtsamkeitspraxis war der Mindful Open Space. U.a. folgende Fragen entstanden dabei und haben zu inspirierenden Gesprächen unter uns Teilnehmern geführt:

  • Wie schaffen wir individuell oder gemeinsam heilsame Umfelder an der Arbeit?
  • Wie kann Achtsamkeit in den Arbeitsalltag integriert werden?
  • Wie kann Achtsamkeit in Organisationen und Unternehmen implementiert werden?
  • Wie kann Achtsamkeit in Unternehmen gelebt werden?
  • Wann ist der einzelne so weit, um Achtsamkeitsmethoden mit seiner Organisation zu teilen?
Transformation dank Thich Nhat Hanh

Ich möchte noch etwas zum Ort erwähnen, weil mich dies beeindruckt hat. Das European Institute of Applied Buddhism in der Nähe von Köln wurde 2008 vom vietnamesischen Mönch und Zen-Meister Thich Nhat Hanh gegründet. Es ist ein Kloster, geführt von vietnamesischen buddhistischen Mönchen und Nonnen, das auf den ersten Blick nicht wie ein Kloster aussieht. Ein 150 m langes symmetrisches Gebäude mit vier Etagen und hohen Räumen. Gebaut und genutzt wurde es ursprünglich als Krankenhaus. Am Anfang des zweiten Weltkrieges verschleppten die Nazis ca. 700 Patienten.

Davon zeugt und erinnert heute im Garten ein 20 m hoher Glockenturm (ein Stupa, siehe Bild unten), der 2013 aus Steinsäulen gebaut wurde. Diese Steinsäulen lagerten im Keller des Gebäudes und waren von den Nazis als Baumasse für einen Triumphbogen eingeplant. Es kam anders und 2013 fand eine kraftvolle Transformation statt: Anstatt die Säulen zu zerstören, wurden sie bewusst friedvoll weiterverwendet als Baumasse und Teil des Stupa. Die Glocke wird täglich geläutet und schenkt allen Anwesenden Momente der Achtsamkeit. Der Stupa symbolisiert die Transformation des Ortes und des Gebäudes in einen Ort des Friedens. Sie erinnert an die Vergangenheit und ermöglicht heute einen heilvollen Umgang damit.

Mein persönliches Fazit

Was nehme ich mit aus den Tagen mit dem NAW (Netzwerk Achtsame Wirtschaft)?

  1. Positive Transformation heisst Auseinandersetzung und in Kontakt sein, verbunden sein, intersein. Dieses Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit wird in der heutigen Wirtschaft aus meiner Sicht viel zu wenig betont und gepflegt. Unsere Wirtschaft, wie sie heute funktioniert, ist nicht in Stein gemeisselt. Wir können sie transformieren.
  2. Mir wurde einmal mehr bewusst, warum ich meditiere. Weil die geübte und gelebte Achtsamkeit eine Grundlage von vielen weiteren heilvollen Geisteshaltungen ist, die wir dank Achtsamkeit bestimmter kultivieren können – zu Hause, am Arbeitsplatz und unterwegs. Ich denke da ein Geistesqualitäten wie Verbundenheit, Wertschätzung, Mitgefühl, Gelassenheit, Geduld, Vertrauen, Mitfreude.
  3. Die Frage der Vermittlungsart „Säkular / Spirituell / Buddhistisch“ für eine Einführung von Meditation und Achtsamkeit in Organisationen führte zu unterschiedlichen Meinungen und Aspekten. Meditation als Instrument ohne oder nur mit schwachen ethischen Grundwerten fasst womöglich einfacher in Unternehmen Fuss und kann positive Wirkungen erzeugen, hält sich jedoch unter Umständen nicht gleich lange und schöpft nicht das ganze Potential ab, weil die Tiefe fehlt.
  4. Damit Achtsamkeit als eine innere Haltung auch im teils hektischen Arbeitsalltag erinnert und gelebt wird, ist die Kombination von Achtsamkeitsübungen auf der individuellen sowie auf der kollektiven Ebene ein sich gegenseitig unterstützendes Paar. Für mein Empfinden folgt daraus ein Gewinn für uns alle (für mich, das Team, den Vorgesetzten und die Organisation).
  5. Es gibt eine Vielzahl an Geistesschulungsmethoden, welche am Arbeitsplatz mit sehr wenig oder praktisch ohne Aufwand praktiziert werden können. Um nur eine kleine Auswahl davon zu nennen: Achtsames Sprechen, Tiefes Zuhören, Achtsames Atmen, Arbeitsmeditation, Gehmeditation. Investment nahe bei Null, Return bei einem Mehrfachen.
  6. Und wie bringe ich denn nun Achtsamkeit in meine Organisation, in mein Unternehmen? Es einfach tun ohne Anspruch auf Perfektion oder Vollständigkeit. Versuchen ein Vorbild zu sein für deine Kollegen durch deine konsistente individuelle Praxis. Und allenfalls – je nach eigener Erfahrung – achtsame Elemente als Impulse ansprechen und ins Kollektive einbringen. Zum Beispiel eine Minute in Stille vor jeder Sitzung.

Ich wünsche mir und bin guter Dinge, dass das Thema Achtsamkeit in den nächsten Jahren die Organisationen, in denen wir arbeiten, positiv beeinflussen wird. Mit unserem Achtsamkeitstraining MINDFULWORKS möchten wir Impulse geben für eine Transformation der heutigen Wirtschaft in eine achtsame Wirtschaft. Zum Wohle des Menschen – zum Wohle der Wirtschaft.

Wie erlebst du die heutige Wirtschaft?
Hast du bereits Erfahrungen gemacht, wie wir „achtsamere Organisationen“ schaffen können?