MINDFUL MONDAY (106) von Reto Weishaupt

Mir war klar, es würde nicht einfach werden. Die Zuversicht, Vorfreude und das Interesse an der bewussten Vertiefung meiner Meditationspraxis überwogen jedoch klar, als ich mich Ende Februar auf den Weg machte hinauf auf den Mont-Soleil. Es erwartete mich ein Schweigeretreat mit 10 Tagen Vipassana-Meditation. Nachfolgend meine Erfahrungen und Erkenntnisse.

Das Vipassana Meditationszentrum

Das Meditationszentrum Dhamma Sumeru ist wunderschön gelegen auf dem Mont-Soleil im Berner Jura Jura. Es ist eines von mehr als 200 Meditationszentren von S. N. Goenka weltweit. Eine grosse, relativ neue Halle mit Platz für ca. 70 Meditierende lädt zur Stille ein. Ein kleiner Park mit grossen alten Bäumen rund ums Haus rundete das stimmige Bild ab. Ich war in einem 4er-Zimmer untergebracht mit angenehmen Zeitgenossen, wie sich zeigen würde. Frauen und Männer waren strikt getrennt. Die Teilnahme ist spendenbasiert, am Ende zahlt du so viel, wie du möchtest und was es dir Wert gewesen ist.

Der Tagesablauf

Der Tagesablauf war vom Morgen früh bis am Abend spät durchgetaktet:

04:00  Gong – Aufstehen
04:30-06:30  Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
06:30-08:00  Frühstück vegetarisch
08:00-09:00  Gruppenmeditation in der Halle
09:00-11:00  Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
11:00-12:00  Mittagessen vegetarisch
12:00-13:00  Ruhepause und Gelegenheit zum Gespräch mit dem Lehrer
13:00-14:30  Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14:30-15:30  Gruppenmeditation in der Halle
15:30-17:00  Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
17:00-18:00  Teepause
18:00-19:00  Gruppenmeditation in der Halle
19:00-20:15  Dharma-Vortrag ab Tonband in der Halle
20:15-21:00  Gruppenmeditation in der Halle
21:00-21:30  Zeit für Fragen in der Halle
21:30  Nachtruhe – Licht aus

Dies ergaben ca. 10-11 Stunden Meditation pro Tag. Die ersten 3 Tage übten wir Anapana (Atemmeditation, Konzentration, Sammlung) und restlichen 7 Tage Vipassana (Erkenntnismeditation, Klarsichtmeditation, offenes Gewahrsein). Am letzten Tag kam dann auch noch kurz Metta-Meditation (Freundlichkeitsmeditation, Liebevolle Güte) dazu.

Zu Beginn des Retreats musste sich mein Körper zuerst an diese intensive Sitzpraxis gewöhnen, er liess es mich anhand von erträglichen Knie- und Rückenschmerzen wissen. Das fehlende Abendessen war ebenfalls reine Gewohnheitssache, glücklicherweise konnte ich dadurch von zehn Tagen Intervallfasten profitieren. 🙂

Die Regeln

Das Fundament für die Praxis von Vipassana ist sīla — sittliches Handeln. Sīla ist die Basis für die Entwicklung von samādhi — Konzentration des Geistes. Und die Reinigung des Geistes wird durch paññā erreicht — die durch Introspektion gewonnene Weisheit. Alle Teilnehmer müssen die folgenden fünf Regeln gewissenhaft beachten: Kein Lebewesen töten, nicht stehlen, sich jeglicher sexueller Aktivitäten enthalten, nicht lügen sowie keine Rauschmittel irgendwelcher Art zu sich nehmen.

Der gesamte Retreat war im Schweigen (“Edle Stille”), was mir nicht sonderlich schwer viel; im Gegenteil ich genoss die Stille sehr. Edle Stille bedeutet Stille von Körper, Geist und Sprache. Jede Art von Kommunikation mit den Mitmeditierenden, einschliesslich Gesten, Zeichensprache oder geschriebenen Notizen ist untersagt. Generell war es nicht gestattet sich Notizen zu machen, etwas zu lesen oder Musik zu hören. Körperkontakt ist zu vermeiden. Das Handy sowie Wertsachen habe ich am ersten Abend abgeben müssen (Schliessfach), womit ich auch hier von Digital Detox profitieren konnte. Körperliche Betätigung – ausgenommen Spaziergänge im Park – waren ebenfalls nicht erlaubt. Das Gelände durfte nicht verlassen werden.

Es ist Arbeit

Ein solcher Retreat ist keine Erholungskur oder Wellness, sondern Arbeit. Jedoch ist es Arbeit, nach der ich mich frisch, erholt und klar fühlte. In den Einladungsunterlagen stand, dass nur durch diszipliniertes Arbeiten und durch ein Maximum an Bemühung ein Schüler in der Lage sein wird, die Technik (Vipassana) vollkommen zu verstehen und Nutzen aus ihr zu ziehen. Dies würde ich relativieren, auch mit 80% Bemühung kann man die Technik verstehen und Nutzen aus ihr ziehen. Der Punkt ist jedoch der: Wenn ich schon dort bin, dann nutze ich die Zeit – mit einem selbstfürsorglichen Auge – so gut wie möglich, sonst hätte ich gar nicht erst gehen müssen.

S.N. Goenka wiederholt mehrmals, dass der Prozess der Selbstläuterung durch Selbsterkenntnis niemals einfach ist – man muss hart daran arbeiten. Nur durch eigene Anstrengungen gewinnen Ausübende Erkenntnisse über sich selbst, Einblicke in die eigene Realität – niemand anders kann das für sie tun. Das kann ich nur bestätigen. Ich persönlich würde dem „hart arbeiten“ auch noch die Komponente „freundlich“ hinzufügen.

Was ist Vipassana?

Vipassana oder Vipassana-Meditation ist eine Meditationstechnik, die auf deutsch Erkenntnis-, Klarblick- oder Achtsamkeitsmeditation genannt wird. Vipassana entfernt die drei Ursachen allen Unglücklichseins: Verlangen, Aversion und Unwissenheit. Bei regelmässiger Übung löst die Meditation die im täglichen Leben aufgebauten Spannungen und öffnet die Knoten, die durch die alte Gewohnheit des unangemessenen Reagierens auf angenehme und unangenehme Situationen entstanden sind. Es geht um Befreiung von all dem, was uns innerlich, also emotional und mental, Leiden verursacht. Es ist eine Methode, die es einem ermöglicht, allen Spannungen und Problemen des Lebens ruhig(er) und ausgeglichen(er) zu begegnen.

Es geht darum, Weisheit und befreiende Erkenntnis zu erlangen durch Einsicht in die 3 Daseinsmerkmale Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Selbst. Nach einer gewissen Übung kannst du diese 3 Gesetzmässigkeiten des Lebens während der Vipassana-Meditation unmittelbar am eigenen Körper erfahren. Aus Wissen wird Gewissheit, aus Verstehen wird Erfahrung.

Dazu beobachtest du deine Körperempfindungen mit Gleichmut. Was immer in deinem Bewusstsein erscheint, Augenblick für Augenblick, nimmst du achtsam wahr. Nichts wegschieben, nichts festhalten. In freundlicher und annehmender Haltung damit sein, bis es vergeht und die nächste Empfindung auftaucht. Auf diese Weise erfährst und erkennst mit der Zeit die Natur aller Dinge: vergänglich, nicht-selbst und leer.

 

„Vipassana heisst die Dinge sehen, wie sie wirklich sind“.
– S.N. Goenka

 

Es gibt viele verschiedene Varianten, Stile und Interpretationen der Vipassana-Meditation. Alle gehen sie auf den Inder Siddhartha Gautama, den historischen Buddha, vor ungefähr 2’500 Jahren zurück. Obwohl die Technik der Vipassana-Meditation durch den Buddha entwickelt wurde, ist die Ausübung nicht auf Buddhisten beschränkt.

Die Vipassana-Praxis nach S.N. Goenka empfand ich als eher rigid und streng. Die Praxis im Meditationszentrum Beatenberg ist aus meiner Erfahrung offener und weniger streng. Interessant finde ich, dass S.N. Goenka einflussreicher Lehrer und Inspiration war für viele bekannte westliche Meditations- und Dharmalehrer wie Jack Kornfield, Joseph Goldstein, Sharon Salzberg, Ram Dass, Daniel Goleman, Marie Mannschatz, Fred von Allmen und viele weitere.

 

Haupt-Erkenntnisse – Was nehme ich mit?

Bewusstsein in Kombination mit Gleichmut und regelmässiger Übung führt zur inneren Ruhe, Freude, Vertrauen, Mitgefühl und Liebe:

  1. Nur wenn ich bewusst und wach bin, kann ich die auftauchenden Empfindungen Moment für Moment wahrnehmen und genauer erforschen, mich ganz bewusst und klar dem Zusammenspiel von Körper und Geist hinwenden. So kann ich auch Sensibilität kultivieren für subtile Körperempfindungen und die damit verbundenen psychischen Prozesse.
  2. Wenn ich bewusst bin und klarer sehe, was gerade da ist, hilft mir die innere Haltung des Gleichmuts resp. der Gelassenheit heilvoll mit allen Geisteszuständen und Emotionen umzugehen. Gelassen, offen, annehmend und nicht-wertend in Kontakt sein anstatt weg-haben-wollen, festhalten und bewerten.
  3. Die regelmässige Übung der Meditation mit einem klaren und liebevollen Geist ist wie fruchtbarer Boden, in dem viele weitere heilvolle Geistesqualitäten gedeihen können.

Den Umgang mit den unheilsamen Geisteszuständen und Emotionen konnte ich in den 10 Tagen intensiv üben. Körperliches Unwohlsein im Rücken und in den Knien führte zu Aversion. Diese Aversion konnte ich mit der Zeit als eine Anzahl von Gedanken und als parallel auftretende Körperempfindungen erkennen und gelassen damit sein. Gleichmütig in Kontakt sein, es sein lassen, Raum lassen, mich nicht damit identifizieren und mich nicht darin verlieren; wissend dass alles unbeständig ist. Wie alle Erfahrungen des Daseins, waren diese Aversionen vergänglich und lösten sich von selbst wieder auf. Gegen Ende der 10 Tage erlebte ich die Nicht-Identifikation mit den Schmerzen, die Leerheit aller Dinge und die darauf folgende faszinierende innere Weite und Freiheit immer klarer und intensiver.

Ebenfalls gegen Ende der 10 Tage vibrierte und oszillierte in meiner Wahrnehmung mein physischer Körper während der Meditationen, sodass sich seine Festigkeit aufzulösen schien und er transzendent/durchlässig erschien. Ich konnte erkennen, wie das Ego und die Illusion des „ich“ und des „mein“ sich teilweise auflösten. In der Folge spürte ich eine grosse Leichtigkeit sowie tiefe Glücksgefühle und Freiheit. Mir war schnell klar, das war ein ermutigendes Zeichen weiter zu üben ohne an diesen angenehmen Erfahrungen anzuhaften.

 

“Come to relieve your mind of tension and suffering;
the physical benefits will automatically follow.”
– S.N. Goenka

 

Kritik

Trotz allen positiven Erfahrungen gab es jedoch auch ein paar Punkte, die mich irritierten. Ich möchte diese nachfolgend als Kritik in den Raum stellen und bin gespannt, ob du oder sonst jemand andere Blickwinkel zu den folgenden Punkten einbringen kann. Falls ja, bitte gerne die Kommentarfunktion unten nutzen.

  • Der gesamte Inhalt während des Retreats war gesprochen von S.N. Goenka als nicht befragbare Autorität vom Tonband. Zwei Assistenz-Lehrer (eine für die Frauen, einer für die Männer) waren zwar vor Ort und man konnte während einem kurzen täglichen Zeitfenster auch Fragen stellen (im 1:1), dennoch wirkte es auf mich eher mechanisch und unpersönlich.
  • Die Kursteilnehmer werden vom Tonband mehrfach ernsthaft darauf hingewiesen, dass bewusstes, absichtliches Vermischen von Vipassana mit anderen Techniken ihren Fortschritt behindern wird und sogar gefährlich werden kann. Ich weiss, dass es Kontraindikationen für Meditation gibt, zum Beispiel bei einer akuten psychischen Krise, dass jedoch eine Vermischung verschiedener Meditationstechniken gefährlich sein soll, ist mir neu und nicht nachvollziehbar.
  • Mehrfach wird von „DER“ reinen Technik des Vipassana gesprochen, die Buddha als das eine Mittel zur Befreiung verbreitet habe. Das impliziert, dass andere Vipassana-Traditionen oder -Richtungen Abweichungen von der Lehre Buddhas wären. In keiner anderen Tradition des Vipassana wird ein solcher Anspruch erhoben, alleine die eine Methode des Buddha zu vermitteln. Hans Gruber beschreibt eindrücklich, woher dieser Anspruch kommen könnte.
  • Viele Male wurde auf dem Tonband wiederholt, die Vipassana-Meditation nach S.N. Goenka sei kein Dogma, also keine Lehre mit unumstösslichen Wahrheitsanspruch sei. Und doch wurde die Lehre immer wieder als universal gültig, unabhängig von religiösem Glauben und für alle geltend dargestellt. Zudem wurden mehrfach andere Meditationstechniken, wie die Mantrameditation, als minderwertig dargestellt. Ich bin der Meinung, Vipassana-Meditation ist eine sehr mächtige Technik und sie scheint universale Gegebenheiten zu berühren, ich habe jedoch Mühe damit, wenn man dies dogmatisch kommuniziert und gleichzeitig sagt, die Lehre haben keinen Wahrheitsanspruch.
  • Zu Beginn der 10 Tage sollten die Teilnehmer die fünf Regeln und die Bitte um Einweihung in die Vipassana-Meditation nachsprechen in einer unbekannten Sprache (wohl Pali oder Sanskrit). Dieses Ritual erinnerte mich stark an Religion und seine Bedeutung wurde vorher nicht erläutert, was mich befremdet hat.
  • Mir wurde frühzeitig vor dem Retreat per E-Mail mitgeteilt, dass ich als Meditationslehrer, der auch andere Meditationstechniken lehrt, nur einmal an einen 10-Tages-Retreat teilnehmen könne. Eine Begründung dafür wurde nicht gegeben. Das hat mich ein wenig befremdet. Auf mein Nachfragen hin beim Assistenz-Lehrer vor Ort, sagte mir dieser, dass es in Indien Geschichten gegeben habe, wo Lehrer aus anderen Techniken resp. Traditionen die Inhalte von S.N. Goenka vermischt hätten und das dies nicht gewollt sei. Soviel zum Thema Dogma.

Diese Kritikpunkte trübten meine interessanten und vorwiegend positiven Erfahrungen vor Ort kaum, da ich mit jahrelanger Meditationspraxis angereist war und viele liebevolle Menschen kennen gelernt habe. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an das Team auf dem Mont-Soleil für die gelungene Möglichkeit mich intensiv in Achtsamkeit sowie mentaler Ausgeglichenheit zu vertiefen.

 

♡ Reto

 

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P.P.S. Wir bieten auch Retreats an, u.a. mit Vipassana-Meditation. Mehr Infos hier.

 

 

Reto Weishaupt ist Meditationslehrer und Achtsamkeitscoach bei MINDFULMIND. Meditation ist für ihn ein starkes Instrument, das er zur Geistes- und Herzensschulung gerne weiter gibt – undogmatisch, säkular und frei von Ideologie. „It’s all about cultivating mind and heart.“

 

 

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